Vorhersagbarkeit entsteht nicht durch Schätzen - sondern durch Fluss

Autor: Peter Götz

Datum:

“Wann seid ihr fertig?” Eine einfache Frage. Und in vielen Organisationen der Beginn von Stress, Rechtfertigungen und ziemlich schlechten Prognosen.

Liefertermine werden gerissen, Zusagen immer vorsichtiger formuliert, das Vertrauen leidet. Und fast reflexartig folgt dann die naheliegende Maßnahme: “Dann müssen wir eben besser schätzen.” Mehr Refinement. Genauere Story Points. Längere Diskussionen im Planning.

Das Ergebnis? Viel Zeit investiert - und die Vorhersagbarkeit bleibt trotzdem schlecht.

Warum ist das so?

Das eigentliche Problem liegt selten im Backlog

Schätzen fühlt sich produktiv an, weil es aktiv ist. Wir diskutieren, analysieren, vergleichen. Aber Schätzen ändert nichts an dem System, in dem die Arbeit stattfindet.

Wenn eure Arbeit nicht gut fließt, dann wird sie auch nicht vorhersagbar - egal, wie viel Mühe ihr euch beim Schätzen gebt.

Typische Symptome, die wir immer wieder sehen:

  • Aufgaben sind groß, unklar oder schneiden mehrere Themen gleichzeitig an
  • Arbeit liegt lange herum und wartet auf Reviews, Entscheidungen oder andere Teams
  • Zu viele Dinge sind gleichzeitig “in Arbeit”
  • Prioritäten ändern sich ständig
  • Abhängigkeiten blockieren den Fortschritt

In so einem System ist jede Prognose im Grunde ein Ratespiel. Und genau das spüren alle Beteiligten.

Vorhersagbarkeit ist ein System-Effekt

Vorhersagbarkeit ist keine Eigenschaft einzelner Tickets oder einzelner Teams. Sie ist eine Eigenschaft des Gesamtsystems, in dem Wert entsteht.

Und hier kommt der Gedanke “Wert durch Fluss” ins Spiel:

Wert entsteht nicht dadurch, dass Arbeit geplant wird. Wert entsteht dadurch, dass Arbeit fertig wird.

Je gleichmäßiger, stabiler und reibungsloser Arbeit durch euer System fließt, desto leichter wird sie vorhersagbar.

Nicht, weil ihr besser vorhersagen könnt - sondern weil ihr ein System geschaffen habt, das sich verlässlich verhält.

Kleine Arbeit fließt besser - und macht Prognosen einfacher

Einer der größten Hebel für besseren Fluss ist kleiner geschnittene Arbeit.

Große Aufgaben haben zwei Probleme:

  1. Sie enthalten viel Unsicherheit
  2. Sie blockieren lange Zeit Kapazität

Kleine Arbeitseinheiten dagegen:

  • sind schneller fertig
  • liefern schneller Feedback
  • reduzieren das Risiko von Fehlannahmen
  • lassen sich viel besser beobachten und messen

Wenn ihr regelmäßig kleine Dinge abschließt, entsteht ein Rhythmus. Und aus diesem Rhythmus entsteht Vorhersagbarkeit.

Nicht auf Basis von Bauchgefühl, sondern auf Basis von echten Daten. Wir wechseln von “das sollte so lange dauern” hin zu “So schnell liefern wir üblicherweise”.

Wartezeiten sind der Feind der Vorhersagbarkeit

Der zweite große Hebel sind Wartezeiten.

In den meisten Organisationen wird erstaunlich wenig Zeit mit aktiver Arbeit verbracht - äh, was ich sagen wollte war, Arbeit befindet sich erstaunlich selten im Zustand, in dem aktiv daran gearbeitet wird. ;) Der Großteil der Durchlaufzeit besteht aus Warten:

  • auf Reviews
  • auf Freigaben
  • auf Entscheidungen
  • auf andere Teams
  • auf Kontextwechsel

Diese Wartezeiten sind oft unsichtbar - aber sie machen Prognosen kaputt.

Denn Wartezeit ist:

  • hochgradig variabel
  • schwer planbar
  • selten im Einflussbereich des Teams

Wenn ihr Vorhersagbarkeit wollt, müsst ihr diese Wartezeiten sichtbar machen und systematisch reduzieren:

  • klare Policies für Reviews
  • explizite WIP-Limits
  • stabile Schnittstellen zwischen Teams
  • weniger parallele Arbeit

Das fühlt sich manchmal langsamer an, ist aber fast immer schneller im Ergebnis.

Vorhersagbarkeit folgt dem Fluss - nicht dem Plan

Im Wert-durch-Fluss-Modell verbinden wir zwei Perspektiven:

  • außen: Kunde, Vision und der erzeugte Wert
  • innen: Architektur, Teamstruktur und Arbeitsweise

Das Produkt verbindet beide Seiten.

Wenn der innere Kreis nicht fließt (wenn Architektur, Teamzuschnitt und Arbeitsweise Reibung erzeuge) dann leidet nicht nur die Lieferfähigkeit, sondern auch die Vorhersagbarkeit nach außen.

Mehr Planung hilft dann nicht. Besserer Fluss schon.

Was du konkret tun kannst

Wenn du heute etwas für bessere Vorhersagbarkeit tun willst, dann starte hier:

  1. Schau auf Durchlaufzeiten, nicht auf Schätzungen: Wie lange dauert Arbeit wirklich von Start bis Fertig?
  2. Schneide Arbeit radikal kleiner: Nicht “ein bisschen”, sondern spürbar.
  3. Begrenze parallele Arbeit: Weniger gleichzeitig heißt schneller fertig.
  4. Mache Wartezeiten sichtbar: Und besprecht sie wie echte Probleme - nicht als Naturgesetz.
  5. Baue ein System, das stabil reagiert: Vorhersagbarkeit ist das Ergebnis davon, nicht die Ursache.

Fazit

Wenn Vorhersagbarkeit fehlt, ist das selten ein Schätzproblem. Es ist fast immer ein Flussproblem.

Guter Fluss reduziert Unsicherheit, macht Arbeit messbar und Prognosen plötzlich erstaunlich einfach.

Wenn Wert fließt, wird Lieferung berechenbar.